«Sozialkompetenz wird bei uns gross geschrieben»


In der MS-Langzeit Therapie beeinflussen Medikamente das Immunsystem, um den Krankheitsverlauf dauerhaft zu mildern. Die Therapietreue – eine konsequente und langfristige Behandlung - ist wichtig für den Erfolg dieser Therapien. Therapiebegleiter/innen unterstützen Patienten während ihrer Therapie. Nadja Münzel ist Teamleiterin von Home Care bei MediService AG: Sie war beim Aufbau der Therapiebetreuung für MS Patienten in der Schweiz von Anfang an massgeblich beteiligt. In einem Interview erzählt sie über ihre Arbeit.

MediService Home Care betreut MS-Patienten. Worin besteht ihr hauptsächlicher Aufgabenbereich?
Das Hauptziel ist, die Patienten zu einer Selbständigkeit mit der medikamentösen Therapie hinzuführen. Es geht darum, die Patienten zu kontaktieren und einen Besuch bei ihnen zu Hause zu arrangieren. Bei diesem Besuch geben wir praktische Tipps für den Umgang mit der Krankheit und dem Medikament und beantworten offene Fragen zum Krankheitsbild. Danach besprechen wir auch die Handhabung der Injektion sowie der Medikamente.

Welche Themen besprechen Sie mit den MS-Betroffenen wenn Sie diese zum ersten Mal besuchen? Wie verhalten Sie sich?
Eine erfahrene Therapiebegleitung versucht schon beim ersten Telefonkontakt zu spüren, welche Situation im Vordergrund steht und was als erstes zu tun ist. Wir begegnen vielen Betroffenen, die noch völlig im Diagnoseschock sind und nun einfach so rasch als möglich mit dem Medikament starten wollen. Das geht dann nach unserer Erfahrung meistens schief. Wir raten ihnen, sich erst etwas Zeit für sich zu nehmen und zwei bis drei Wochen zu warten und erst dann zu starten.

Was geht dann schief? Was für Komplikationen können auftauchen?
Ein Therapiestart im Diagnoseschock ist ungünstig. Diese Patienten wollen sofort starten, damit sie etwas tun gegen ihre Krankheit und sich dann möglichst schnell wieder dem Alltag zuwenden können. Sie haben sich nicht mit den Konsequenzen einer Therapie auseinandergesetzt und sind sich nicht bewusst, auf was sie sich einlassen. Sobald die ersten Nebenwirkungen oder Probleme auftreten, verlieren sie die Nerven und stoppen die Therapie wieder. Das kann verhindert werden, wenn das Behandlungsteam auf die Bremse steht und etwas abwartet, bis sich der Patient etwas vom Schock erholt hat und sich vorgängig über die Therapie informiert hat.

Wie wird sichergestellt, dass die Patienten danach weiterhin rundum gut betreut werden?
Wir haben einen Kalender, welcher uns im Alltag unterstützt, damit wir alle unsere Termine und Kontakte im Griff haben. Aber es ist eine enorm grosse organisatorische Herausforderung. Wenn wir in gewissen Abständen aktiv mit den Patienten Kontakt aufnehmen, dann ist es meistens nicht der richtige Zeitpunkt. Probleme treten nicht dann auf, wenn wir uns melden, sondern irgendwann im Alltag. Darum ist es enorm wichtig, die Patienten in ihrer Selbstständigkeit zu fördern und zu unterstützen. Dadurch lernen sie, selber aktiv zu werden und sich bei uns zu melden, wenn sie Fragen haben oder etwas benötigen.

Sie bieten eine persönliche Therapiebetreuung an. Ruft der Patient auch wirklich an, wenn er Fragen oder Schwierigkeiten hat?
Das Ziel für uns ist natürlich, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, das Selbstmanagement der Patienten zu fördern und eben zu erreichen, dass sie sich trauen, ihre Bedürfnisse anzumelden. Dafür braucht es eine offene Kommunikation auf gleicher Ebene mit den Patienten. Das gelingt uns immer besser. Als ich vor elf Jahren als Therapiebegleitung gestartet habe, war ich der Meinung, dass ich möglichst oft die Patienten selber anrufen sollte, damit ich ja nichts verpasse. Heute weiss ich, dass das falsch ist und die Patienten überhaupt nicht motiviert, für sich selber Verantwortung zu übernehmen.

Es kann allerdings auch sein, dass ein Patient aufgibt und sich nicht mehr meldet. Weil eben die Behandlung auch mühsam sein kann. Nach dem Nachfolgebesuch sind die Patienten recht autonom. Wo ist für Sie die Balance zwischen kontaktieren und abwarten?
Das ist enorm schwierig und fordert uns im Alltag! Wir wollen sinnvolle Telefonanrufe machen, die den Patienten etwas bringen und nicht ein standardisiertes Programm abspulen, das irgendwo auf einem Papier konstruiert wurde. Diese Balance zu finden - zwischen den Leuten auf die Nerven gehen mit unseren Anrufen, und dann doch wieder anzurufen wenn sie uns gerade brauchen - das ist sehr schwer. Darum kann die Lösung für die Patienten nur bedeuten, dass sie sich bei einem akuten Problem selber aktiv bei uns melden. Aber das klappt erst, wenn wir vorher die Gelegenheit hatten, das Vertrauen aufzubauen und dafür müssen wir vorerst einige Anrufe und Besuche machen können.

Verlaufsmodifizierende Medikamente reduzieren die Anzahl Schübe über die Zeit. Praktisch gesehen, kann der Verlauf der Krankheit allerdings sehr individuell sein. Wie motivieren Sie den Patienten, die Medikamente dann auch wirklich zu nehmen?
Nur durch Aufklärung. Wir repetieren die wichtigen Informationen zur Wirksamkeit und Frühtherapie bei einzelnen immer und immer wieder. Es ist wichtig, dass der Patient versteht, dass die Medikamente die heute verfügbar sind MS nicht heilen können, sondern den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen. Es kann deswegen trotz Therapie zu Schüben kommen, diese sind jedoch weniger häufig und weniger schwer. Es ist auch nötig, dass unsere Kommunikationsstrategien den Gegebenheiten der Patienten angepasst werden: wir müssen Rücksicht nehmen auf Fatigue, kognitive Einschränkungen, Depressionen, Gefühlsschwankungen usw. Wir arbeiten mit Bildern, Zeichnungen, Demonstrationen, Notizen, unterbrechen und machen Pausen, oder kommen ein zweites Mal um den Rest zu besprechen.

Welche Fälle gehören zu den schwierigsten, die eine TherapiebegleiterIn zu behandeln hat?
Patienten sind eigentlich nie schwierig, es kann manchmal Personen geben, die uns fordern. Dafür ist die Abgrenzung enorm wichtig. Schwierige Situationen entstehen für uns eher, wenn Patienten uns in heikle Situationen bringen, weil sie mit ihrem Arzt oder ihrer Therapie nicht mehr zufrieden sind und uns nach Alternativen fragen.

Wie begegnen Sie solchen Situationen? Immerhin vertreten Sie auch mehrere Medikamente. Ist es nicht schwierig, neutral zu bleiben oder beziehen die TherapiebegleiterInnen auch bewusst Stellung für das Medikament, mit welchem der Patient behandelt wird?
Überhaupt nicht. Im Gegenteil, seit wir alle Medikamente betreuen, haben wir den viel besseren Überblick über die Krankheit und Therapien und zudem mehr Respekt bei den Ärzten erlangt. Wir werden vom Arzt beauftragt, den Patienten darin zu unterstützen, sein verordnetes Medikament richtig anzuwenden. Wir beziehen immer Stellung für das Medikament, das der Arzt verordnet hat.

Wo ist die Abgrenzung zwischen der Arbeit des Neurologen und den Aufgaben der Therapiebegleitung?
Die Neurologin oder der Neurologe ist für die gesamte Diagnostik, die Therapieauswahl, die Therapieverordnung und die Beratung und Behandlung bei Krankheits-Symptomen zuständig. Die Therapiebegleitung ist zuständig für die korrekte Anwendung des Medikaments, Beratung im Umgang mit Nebenwirkungen (z.B. Hautreaktionen), sie gibt Tipps und Tricks und beantwortet ganz praktische Fragestellungen aus dem Alltag mit dem Medikament und der Krankheit.

Sie betreuen ein Team von 11-TherapiebegleiterInnen. Welche beruflichen Werdegänge haben ihre Mitarbeiter? Was für eine Persönlichkeit ist wichtig?
Es sind alles erfahrene Pflegefachpersonen. Die Infusionspezialisten haben Zusatzausbildungen in Anästhesie, Notfall- oder Intensivmedizin. Aber das ist nur das technische. Ich schaue, dass unsere Mitarbeitenden Lebenserfahrungen haben, dass sie gute Kommunikationsfähigkeiten haben, angenehme Erscheinungen sind, zuhören können, auf die Menschen eingehen und Freude haben, viel zu lernen und neues zu bewegen.

Also vieles, dass man nicht per se in einer Ausbildung lernen kann. Wie sieht die Schulung zu einem/einer TherapiebegleiterIn aus? Wo erwirbt man die Fähigkeiten für den Umgang mit den Patienten?
Wir haben zusätzliche Fortbildungen zur Technik Motivational Interviewing, Umgang mit aggressiven Patienten, Umgang mit depressiven Patienten, oder mit Fatigue sowie kognitiven Einschränkungen. Diese Ausbildungen vermitteln ein breites Grundlagewissen.

Wie könnte man die Sonnen- und Schattenseiten Ihres Berufstandes umschreiben?
Wir sind auf einem Präsentierteller und stehen unter strenger Beobachtung von allen Seiten: vom Arzt, vom Patient, vom Hersteller. Ich habe einen enorm hohen Qualitätsanspruch an mich und meine Mitarbeitenden, weil ich weiss, dass wir eine Dienstleistung anbieten, die vor allem bei hoher Qualität bestehen kann. Aber die vielen zufriedenen Patienten, Ärzte und Partnerfirmen, das Lob, das wir erhalten, zeigt, wie sinnvoll und wichtig unsere Arbeit ist. Eine Therapiebegleitung arbeitet recht selbstständig in einem interessanten Beratungssektor, was sonst in einem Spitalsetting völlig undenkbar wäre. Zudem sind wir bei den Patienten zu Hause, was die Arbeit viel spannender und abwechslungsreicher gestaltet.


Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Interview mit Nadja Münzel

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