Experten Blog

10.11.2014
von PD Dr. Iris-Katharina Penner

Multiple Sklerose und Kognition

Würde man eine Umfrage auf der Strasse starten mit der Frage: «Wie äussert sich Multiple Sklerose? Was kommt Ihnen spontan in den Sinn?», so würden wir häufig als Antwort erhalten: «Die können irgendwann nicht mehr laufen und sitzen im Rollstuhl».

In der Tat stehen leider auch heutzutage immer noch die körperlichen Auswirkungen im klinischen und auch pharmakologischen Fokus. Es geht immer wieder darum, die Schubrate zu reduzieren, den Behinderungsgrad stabil zu halten und die Anzahl der Läsionen im Gehirn zu kontrollieren. Fragt man die Betroffenen selbst, welche Symptome sie in ihrem alltäglichen Leben am meisten einschränken, so zeigt sich ein weniger körperlich betontes Bild. Es sind vor allem die geistigen Einschränkungen, wie Abnahme der Konzentrationsfähigkeit, kognitive Verlangsamung und Gedächtnisstörungen, die hier von Seiten der Patienten genannt werden. Daneben spielen auch Fatigue und Depression eine entscheidende Rolle.

Als ich vor 15 Jahren begann, mich wissenschaftlich für das Thema Kognition bei MS zu interessieren, war ich eine Exotin. Als ich dann auch noch vorhatte, die Symptomatik mit bildgebenden Verfahren zu untersuchen und gleich im Anschluss die Wirksamkeit eines Computertrainings auf die Hirnleistung mit gleicher Methode zu untersuchen, schüttelten einige Kollegen verständnislos den Kopf. Im Jahr 2014 boomt nun das Thema und jede Arbeitsgruppe, die etwas auf sich hält, versucht in ihren Studien das Thema Kognition miteinzubauen. Damit wird endlich dem Stellenwert kognitiver Veränderungen bei MS Rechnung getragen.

Diese können zu jedem Zeitpunkt der Erkrankung auftreten, auch bereits in den Anfangsstadien. Zu Beginn beklagen Betroffene eine allgemeine Verlangsamung, die ihnen vor allem in ihrem Arbeitsumfeld auffällt. Plötzlich braucht man länger für das Verrichten einer Aufgabe als noch vor einiger Zeit und im Vergleich zu Kollegen. Nicht selten ist zu Beginn auch das Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis betroffen. Neue Dinge können schwerer gelernt und langfristig behalten werden. Daheim geht man öfters unverrichteter Dinge in einen Raum, wo man eigentlich dachte etwas holen oder nachsehen zu wollen. Im Raum angekommen, fällt einem der Grund für das Aufsuchen des Zimmers plötzlich nicht mehr ein. Dies sind nur einige von den Veränderungen, die Betroffene beklagen. Wichtig ist, dass man sie erkennt und als Symptom der MS Grunderkrankung verstehen lernt. Viele Patienten geraten in Panik aus Angst, dement zu werden. Hier kann man ganz klar Entwarnung geben. Das Entwickeln einer Demenz im Rahmen der MS ist eher unwahrscheinlich. Auch schreiten die kognitiven Veränderungen bei MS wesentlich langsamer voran, als dies bei dementiellen Erkrankungen der Fall ist.

Als wichtig erachte ich, dass man möglichst frühzeitig seinen kognitiven Status neuropsychologisch untersuchen lässt. Nur so kann man den Verlauf dokumentieren und Veränderungen über die Zeit erfassen. Es gibt mittlerweile Therapieentscheidungsmodelle (z. B. MSDM), die auch die kognitiven Veränderungen mit berücksichtigen. Sollte sich der kognitive Zustand eines Patientem oder einer Patientin deutlich verschlechtern, wäre diese auch ein Grund die aktuelle MS-Medikation zu überdenken und gegebenfalls zu ändern.

Für die Behandlung kognitiver Veränderungen stehen leider derzeit keine überzeugenden symptomatischen Medikamente zur Verfügung. Es ist daher wichtig sich im Laufe des Lebens eine gute «kognitive Reserve» aufzubauen, da in neueren Studien gezeigt werden konnte, dass diese dem Gehirn zum einen helfen kann, zu kompensieren und neue Schaltkreise zu bilden, zum anderen aber auch präventiv wirken kann. Es ist somit wichtig, sich geistig immer wieder zu stimulieren und neu herauszufordern. Karten spielen, Lesen, Schachspielen zählen genauso dazu wie das Absolvieren eines kognitiven Computertrainings. Auch sportliche Aktivität wirkt sich positiv auf die kognitiven Leistungsfähigkeiten aus.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen geistige und körperliche Fitness. Bleiben Sie in Bewegung!

Ihre I.-K. Penner

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12.04.2011
von Dr. Daniela Wiest

Zum Thema Therapiebeginn

„Frau Doktor ich weiss nicht, wann für mich der richtige Zeitpunkt für einen Therapiebeginn ist…, ich weiss nicht, was ich meinem Körper zumuten soll…“

Viele Patienten/Innen, bei denen die Krankheit Multiple Sklerose neu gestellt wurde, stellen sich diese Fragen. Häufig kommt es ja vor, dass die Diagnose schon nach dem 1. klinischen Schub (z.B. Retrobulbärneuritis, vorübergehende Sensibilitätsstörungen an einer Extremität, etc.) gestellt wird, also in einem Stadium, in dem viele Patienten noch nichts oder nichts mehr von der MS spüren. Die ersten Schübe heilen häufig wieder vollständig ab, ohne dass Symptome zurückbleiben.

Somit ist es natürlich absolut berechtigt, zu hinterfragen, ob man in einem solchen „gesunden Zustand“ eine Langzeit-, d.h. Dauertherapie überhaupt starten muss. Alleine die Vorstellung, man könnte von einem Medikament Nebenwirkungen verspüren, wie z.B. die möglichen pseudogrippalen Nebenwirkungen unter den Interferonen, lässt die Patienenten/Innen immer wieder zurückschrecken. Absolut verständlich! Fühlt man sich ja ansonsten pudelwohl und gesund. Wieso also eine Therapie beginnen, die man vielleicht nicht gut verträgt?

Und genau in diesem Punkt unterscheiden sich die wissenschaftlichen Ansichten von uns Ärzten von den Ansichten unserer Patienten.
Wir Ärzte wissen, dass der Schein eben trügt: Auch im Anfangsstadium, also zum Zeitpunkt, wo der Patient sich noch absolut wohl und gesund fühlt, schreitet die Krankheit im Hintergrund unbemerkt fort und hinterlässt auf Dauer seine Spuren. Unterschwellige Schübe/Entzündungsschübe werden klinisch nicht gemerkt, hinterlassen aber doch im Hirn und Rückenmark die Vernarbungen. Und am Ende ist die Rechung einfach: Je mehr Vernarbungen, desto schlechter geht es, und wenn diese zudem an kritischen Stellen im Hirn und Rückenmark ablaufen, genügen wenige Narben, um eine merkliche Behinderung zurück zu lassen.

Für uns Ärzte ist es daher wichtig, dass wir die Krankheit möglichst früh, also im Anfangsstadium, in den Griff bekommen, immer mit dem Ziel vor Augen, dass wir nach 15-20 Jahren immer noch „gesunde Patienten“ vor uns haben, die im Alltag (Familie, Beruf und Sport) voll leistungsfähig sind.

Für mich überwiegt die Angst vor einem schlechten, schweren Verlauf viel mehr, als die Angst vor evt. pseudogrippalen Nebenwirkungen (zumal diese in der Regel mit einfachen NSAR – Schmerzmitteln recht gut in den Griff zu bekommen sind). Selbstverständlich gibt es auch Patienten, die ein Medikament effektiv nicht vertragen, das sind insgesamt aber nur sehr wenige. In einem solchen Fall muss mit dem behandelnden Neurologen/In ein Therapiewechsel diskutiert werden.

Bezüglich Therapiebeginn geht es also um die Abschätzung, was man mehr gewichtet: Die möglichen, akuten Nebenwirkungen (wie pseudogrippale NW), die aber behandelbar sind, oder die Langzeit-Nebenwirkungen der nicht optimal behandelten MS-Erkrankung mit Behinderung, neurokognitiven Problemen etc. Leider kann das Verpasste nicht mehr aufgeholt oder rückgängig gemacht werden.

Wenn Sie nun selber vor der Entscheidung stehen, wann Sie mit einer Therapie beginnen sollen, versuchen Sie Ihre Ziele und Vorstellungen, aber auch Ihre Ängste und Bedenken zu formulieren, sprechen Sie mit Ihrem Neurologen/in darüber, er/sie wird Ihnen die wissenschaftlichen Daten und Antworten zu Ihren Fragen geben können, damit Sie für Ihr Leben und Ihre Zukunft eine gute Entscheidung treffen können.

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12.04.2011
von Dr. Guido Schwegler

Schmerzen und MS

Eine der häufigsten Fragen von MS-Betroffenen, die eben erst mit der Diagnose konfrontiert worden sind, ist folgende: «Herr Doktor, wie merke ich, ob ich einen Schub habe?» Meine Standardantwort darauf lautet: «Sie müssen 2 Faustregeln beachten: Erstens, die MS macht keine Schmerzen und zweitens: Was nicht länger als einen ganzen Tag ununterbrochen anhält, ist kein Schub.»

Ich erinnere mich an einen Patienten, der mehr als ein Jahr lang nach der Diagnose MS Muskelschmerzen hatte und nicht mehr arbeitsfähig war. Ausschlaggebend war dabei, dass er fürchtete, diese Schmerzen hätten einen direkten Zusammenhang mit der MS. Als ich ihm gesagt habe, MS macht keine Schmerzen, ging es sehr bald viel besser. Er hatte sich in etwas hineingesteigert.

Nun, wie viele absolute Antworten, stimmt auch diese Antwort nicht ganz. Es ist eine Faustregel. Selbstverständlich kann es manchmal zu Schmerzen, verursacht durch die MS, kommen: Schwere spastische Beinkrämpfe können sehr schmerzhaft sein. Dies betrifft aber Patienten, die durch die Krankheit schon sehr stark behindert sind, und ist glücklicherweise sehr selten. Bei chronischen Rückenmarksentzündungen durch die MS beobachtet man zuzeiten das Phänomen von unangenehmen bis schmerzhaften Missempfindungen, meist in den Füssen. Grund dafür ist eine MS-bedingte Fehlfunktion, respektive Überfunktion, des schmerzleitenden Fasersystemes im Rückenmark (seltener im Hirn). Mehrere Medikamente können hier Linderung verschaffen, manchmal ist die Behandlung aber unbefriedigend.

Als dritter klassischer Schmerztyp bei MS fällt mir die Trigeminusneuralgie ein: Ein extrem schmerzhafter kurzer Stromstoss im Gesicht, der sich in kurzen Abständen wiederholt. Meist gelingt es, diese Schmerzattacken mit Medikamenten aus der Klasse der Antiepileptika zu unterbinden, selten ist eine kleine Hirnoperation nötig.

Aber um es nochmals auf den Punkt zu bringen: So schwierig die Krankheit für die Betroffenen ist: Zu Schmerzen kommt es selten.

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31.01.2011
von Barbara Kieser

Kraft geben, um der Therapie treu zu bleiben

Wenn sich MS-Betroffene mit der Therapie auseinander setzen müssen, stossen sie schnell einmal an Grenzen – seien dies Grenzen physischer oder psychischer Art. Zuerst einmal hat man die Diagnose zu akzeptieren und dann einer Therapie zu folgen. Dies löst vielerlei Gefühle aus: Hoffnung, Angst und wohl auch Wut oder Mutlosigkeit. Vielleicht stellt sich rasch eine Verbesserung des Gesundheitszustandes ein, vielleicht aber auch anfangs erst einmal eine Verschlechterung, ganz abgesehen von den eventuell zu ertragenden Nebenwirkungen. Man sucht nach dem Sinn der Therapie und zweifelt, ob die Therapie die Hoffnung auf Besserung stützt. Und ganz ehrlich, die Wahl, ob eine Therapie in Frage kommt oder nicht, ist nicht gross. Schliesslich handelt es sich bei der Multiplen Sklerose immer noch um eine unheilbare Krankheit. Es liegt quasi auf der Hand, dass MS-Betroffene sich mit einer Therapie abzufinden haben. Von welchem Standpunkt sie das auch betrachten, vom medizinischen, dem sozialen oder vom eigenen Standpunkt aus, eine Therapie ist unumgänglich.

Damit umzugehen ist sicher nicht einfach. Hier beginnt meine Aufgabe des Empowerment. Bezeichnet werden damit Strategien und Massnahmen, die geeignet sind, den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von beispielsweise kranken Menschen zu erhöhen. Es soll ermöglicht werden, Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmend zu vertreten und zu gestalten. Sowohl Selbstbemächtigung, als auch die professionelle Unterstützung, Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen, sollen dabei angesprochen werden. Im Deutschen wird Empowerment gelegentlich auch als Selbstkompetenz bezeichnet. Warum man diese Begriffe aus dem Englischen in den Praxisalltag übernommen hat? Sicher mit der Absicht, die beste Therapie mit dem grössten Nutzen für die Betroffenen zu erreichen.

So begleite ich gemeinsam mit dem medizinischen Fachpersonal die Betroffenen auf einem langen Weg, der verschieden gepflastert ist. Den Betroffenen begegnen wir in den verschiedensten Situationen: Beim Therapiebeginn, während der Therapie, bei einem Therapiewechsel oder einem Abbruch, gegebenenfalls auch ganz ohne Therapie. Hier ist es von Bedeutung, dass die Betroffenen in dieser schwierigen Situation nicht alleine gelassen werden und die grösstmögliche Unterstützung erfahren, damit sie der Therapie treu bleiben. Ich als Therapeutin sollte natürlich nicht die Einzige sein, gefordert sind sowohl die Angehörigen und Freunde als auch Fachpersonen, welche Hand in Hand arbeiten müssen, damit der MS-Betroffene die maximale Unterstützung erfährt.

Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass die Betroffenen wie auch ihr familiäres Umfeld gut informiert sind. Die MS-betroffene Person sollte das nötige Fachwissen über ihre Krankheit und die erforderlichen Medikamente erhalten. Ich für meinen Teil spreche die Betroffenen direkt an. Was sind ihre Erwartungen an die therapeutische Begleitung und wie kann ich am besten helfen, damit sie die Therapie einhalten können? Nur gezieltes Nachfragen hilft, eine persönlich abgestimmte Betreuung aufzugleisen. In regelmässigen Abständen diese Vereinbarung zu prüfen ist unabdingbar, um sowohl auf neue Situationen reagieren zu können, als auch eine gute Beziehung zu pflegen.

Ich bin überzeugt, eine gute zwischenmenschliche Beziehung ist das A und O, um optimal auf die Betroffenen eingehen zu können. Aus einem regelmässigen Kontakt entsteht Vertrauen – und Vertrauen ist die Basis einer optimalen Betreuung. Ob Therapietreue oder Therapieabbruch – für mich ist am Wichtigsten, meine MS-Patientinnen und Patienten sowohl in ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen, als auch sie zu motivieren.

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06.10.2010
von Prof. Juerg Kesselring

Zwei Seelen in einer Brust

Als Arzt und Wissenschaftler bin ich es gewohnt, genau zu beobachten und für das, was ich sehe, Erklärungen zu finden, genau hinzuhören und, wenn irgendwie möglich, Lösungen für die geschilderten Probleme aufzuzeigen. Sie wissen wohl allzu gut aus eigener Erfahrung, dass das Leben nicht immer so einfach ist. Gewisse Fragen bleiben unbeantwortet und für bestimmte Ereignisse sucht man vergebens nach einer plausiblen Begründung. Vielleicht sind es manchmal gerade diese «Leerstellen», die unser Leben so vielschichtig und letztlich auch faszinierend machen…

Offene Fragen und ungelöste Probleme bedeuten für mich deshalb nicht grundsätzlich ein Ärgernis. Sie bieten Gelegenheit, inne zu halten und noch genauer als sonst hinzuschauen. Doch anstatt vergeblich um Erklärungen zu ringen, versuche ich manchmal ganz einfach zu beschreiben, was ich wahrnehme. Eine Sprache, die sich dazu besonders eignet, ist die Poesie. Sie lässt Spielraum, um den Eindrücken einen individuellen rhythmischen Ausdruck zu verleihen. Und: Indem ich meine Beobachtungen in Worte und Verse fasse, komme ich manchmal unerwartet zu einer neuen Erkenntnis: Im Oberflächlichen, Vordergründigen scheint plötzlich etwas Tiefgründigeres auf.

Wissenschaft und Kunst bieten damit zwei verschiedene, einander ergänzende Zugänge zur Welt. Aus dieser Einsicht heraus empfinde ich es immer wieder als Bereicherung, beiden «Seelen in meiner Brust» Gehör zu verschaffen, mich aus beiden Quellen inspirieren zu lassen und Wissenschaft und Kunst auf fruchtbare Weise zu verbinden.

Sicher schlagen auch Sie sich von Zeit zu Zeit mit Fragen herum, auf die Sie keine Antworten finden. Vielleicht lohnt es sich, in einem solchen Moment wieder einmal einen Gedichtband aufzuschlagen? Wer sich von seiner alltäglichen (prosaischen) Sicht der Dinge löst und die Welt stattdessen durch eine andere (poetische) Brille betrachtet, entdeckt dabei plötzlich Aspekte, die bisher verborgen geblieben sind. Und wer weiss: möglicherweise motiviert Sie die Lektüre dazu, selbst zu Papier und Stift zu greifen? Schreiben kann einem dabei helfen, sich über die eigene Situation Klarheit zu verschaffen, oder mit Max Frisch formuliert: «Schreiben heisst sich selber lesen.»

Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft!

Jürg Kesselring

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27.09.2010
von Dr. Guido Schwegler

MS und Berufswelt

«Herr Doktor, soll ich meinem Arbeitsgeber sagen, dass ich MS habe?»
«Herr Doktor, soll ich im Vorstellungsgespräch über meine MS Auskunft geben?»

Das sind mitunter die häufigsten Fragen in meiner Sprechstunde. Nun, es gibt kein Patentrezept, wie man als MS-Betroffener gegenüber seinem Arbeitgeber auftreten soll. Folgende Faustregel finde ich nützlich. Wenn man sich fit fühlt und man als Aussenstehender nicht sieht, dass man erkrankt ist, behalten Sie diese Information besser für sich. Ihre MS geht nur Sie etwas an. Es ist klar, dass Sie der Pensionskasse gegenüber bei einer Stellenneubesetzung offen über ihre Gesundheit Auskunft geben müssen. Aber diese Informationen sind vertraulich und dürfen dem Arbeitgeber nicht zugetragen werden.

Wenn Sie unglücklicherweise schon stärker durch die MS beeinträchtigt sind, empfehle ich, mit dem Arbeitgeber das Gespräch zu suchen. Meist geht es dabei um die Reduktion des Arbeitspensums oder die Versetzung an eine andere, weniger physisch belastende Position. Viele meiner Patienten, die sich trotz fortgeschrittener MS bis zur Erschöpfung im Beruf aufgerieben haben, berichten über eine massive Verbesserung der Müdigkeit, des Gesundheitszustandes und der Lebensqualität nach Reduktion des Arbeitspensums. Was Sie aber auf keinen Fall tun dürfen ist, das Arbeitspensum von sich aus zu reduzieren ohne begleitende Krankschreibung. Sonst riskieren Sie eine massive Renteneinbusse. Sprechen Sie in diesem Fall unbedingt zuerst mit Ihrem behandelnden Neurologen und Hausarzt. Der wird Sie entsprechend der gesundheitlichen Probleme krankschreiben und IV-Massnahmen einleiten, wenn absehbar ist, dass sich das Arbeitspensum bleibend reduzieren wird. Mit der 2. Säule werden Sie in diesen Fällen genug abgesichert sein, so dass Sie finanziell gut über die Runden kommen sollten.

Am meisten Probleme gibt es bei sehr jungen MS-Betroffenen ohne 2. Säule und bereits behindernden neurologischen Problemen. Da ist guter Rat teuer. Deshalb ist es umso wichtiger, die Krankheit schon im frühesten Stadium zu behandeln, damit dieser Fall möglichst nicht eintritt. Entsprechende Medikamente stehen ja heute zur Verfügung, womit auch sehr aktiv verlaufende Erkrankungen wirksam behandelt werden können.

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23.06.2010
von Dr. Norman Putzki

Müde sein ohne Ende...

Sind Sie immer müde? Die meisten, die ich kenne, sind immer müde. Sagen wir anders: wenn sie nicht müde sind, reden sie jedenfalls nicht davon. Ist bei mir wahrscheinlich auch nicht viel anders. Ich bin manchmal müde. Und in der Regel fallen mir gute Gründe dafür ein. Das hört sich ziemlich normal an, oder?
Wenn Sie MS haben und oft müde sind, verändert sich die ganze Geschichte nicht nur ein wenig. Es fällt Ihnen gar kein Grund mehr ein, warum Sie müde sind? Und Sie werden schneller müde als Sie das eigentlich erwarten würden? Das ist das, was wir Neurologen dann als „Fatigue“ bezeichnen würden. Was auch nicht anders als „Müdigkeit“ heisst, aber plötzlich hat diese Müdigkeit mit MS zu tun.
Fatigue im Rahmen von MS ist wahrscheinlich das häufigste MS Symptom. Und trotz der Häufigkeit (über 50%) wird es oft unterschätzt, der Ursprung ist schlecht verstanden und es ist schwierig zu behandeln. Aber der Reihe nach.
MS Fatigue beschreibt ein Missverhältnis aus Anstrengung (körperlich, geistig) und Müdigkeit/Erschöpfung. Die Batterien sind schneller leer, als man es erwarten würde. Oder –ohne erkennbaren Grund- sind sie nie ganz voll. Es gibt wahrscheinlich mehr als eine Ursache für Fatigue bei MS, es könnten z. B. entzündliche Prozesse oder erhöhter Energiebedarf im Nervensystem usw sein. Medikamente können auch müde machen. Manchmal überschneiden sich Fatigue und Depression. Um das genau herauszufinden, gibt es verschiedene Skalen und der interessierte Neurologe würde danach fragen. Bei manchen Menschen ist Fatigue mehr auf körperliche Funktionen bezogen (körperliche Ermüdung), bei anderen sind es mehr psychische Aspekte (Ermüdung im Denken), alle Aspekte können natürlich kombiniert vorkommen.
Wenn auf Dauer der Alltag wegen Fatigue beeinträchtigt ist, eignen sich zur Behandlung Antidepressiva, Stimulanzien oder andere Stoffe, manchmal braucht es einige Anläufe, bis es besser wird. Aktiv sein, den Körper ausreichend mit Sauerstoff versorgen, das kann helfen- aber verschwenden Sie keine Energie für Dinge, die nicht unbedingt sein müssen. Es ist wichtig zu wissen, wann man/frau ausserhalb seiner/ihrer Möglichkeiten unterwegs ist und daher lohnt sich ein Blick in die eigene Tagestruktur.
Nicht vergessen: MS hin oder her, vielleicht kennen Sie doch den einen oder anderen Grund, warum Sie müder sind, als es Ihnen recht ist.

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14.12.2009
von Dr. Guido Schwegler

Herbst-ver-stimmungen

Sind depressive Verstimmungen saisonal abhängig? Leiden Betroffene mehr darunter in dieser dunklen Jahreszeit? Mag sein. Der Lichteinfluss auf die Psyche lädt zu Spekulationen ein: Das Sonnenlicht wird über die Netzhaut des Auges aufgenommen und wirkt auf Botenstoffe im Gehirn ein. In der dunklen Jahreszeit wird vermehrt Melatonin ausgeschüttet mit dem Effekt, dass man sich müder fühlt. Es werden demgemäss Lichttherapien verschrieben mit speziellen Therapielampen und man rät zu vermehrter körperlicher Betätigung im Freien.

So weit so gut. Die Lichttherapie mag ja in einzelnen Fällen eine Stimmungsaufhellung bringen, aber das Hauptproblem liegt wahrscheinlich woanders, nämlich in der Tabuisierung der psychischen Krankheiten („ich spinne doch nicht!“). Die Depression ist eine gefährliche, ernste Erkrankung. Einfach ein bisschen unter die Lichtlampe hocken, das klingt verniedlichend. Wir erinnern uns an Robert Enke, den Torwart von Hannover 96. Der arme Kerl hat offenbar jahrelang an Depressionen gelitten und war hilflos, am Schluss ausweglos. Es kann jeden treffen, auch den erfolgreichen Profifussballer.

Warum ich das schreibe? Nun, es ist bekannt, dass Depressionen unter Menschen, die an MS erkrankt sind, doppelt so häufig sind. Auch die Selbstmordrate ist bei MS-Patienten erhöht, wie eine dänische Studie gezeigt hat. Ob diese hohe Rate an depressiv Erkrankten unter MS-Patienten nur eine Reaktion auf die schwierige persönliche und gesundheitliche Lage ist, bleibt offen. Gewisse Forscher vermuten auch einen negativen Effekt von MS-Plaques in bestimmten Hirnarealen.

Und nun zum Wichtigsten: Depressionen kann man heute oft gut behandeln: Mit Gesprächstherapien, aber auch mit den neueren Antidepressiva, die ja sehr gut verträglich sind. Ich staune immer wieder, wie schwierig es ist, die Betroffenen von einer antidepressiven Therapie zu überzeugen. Sprechen Sie daher mit Ihrem Arzt oder Neurologen offen über Ihre Ängste und Stimmungen.

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28.10.2009
von Barbara Kieser

Anlässe für Menschen mit MS

Die letzten beiden Wochen waren sehr arbeitsintensiv. Wie immer nach der Ferienzeit meldeten sich viele Betroffene telefonisch oder per Mail mit den verschiedensten Anliegen. Die meistgestellte Frage bezog sich auf die Grippe-Impfung, und allfällige Empfehlungen für die Schweinegrippe-Impfung. Da war ich froh, dass ich auf das Merkblatt der MS-Gesellschaft unter der Rubrik „MS Medic“ hinweisen konnte, und je nach Wunsch auch das Infoblatt direkt zuschicken konnte.

Nebst der Betreuung der Patienten kommen ich und meine beiden Kolleginnen nicht umhin, auch administrative Arbeiten zu erledigen. Bei Quartalsabschluss ist es an mir, Zahlen für Abrechnungen und Statistiken „rumzuschieben“. Und bereits sind wir wieder mit der Planung der nächsten Patiententreffs für 2010 beschäftigt. Die Suche nach neuen Themen gestaltet sich immer schwieriger, haben wir doch schon mehrere dieser Treffs durchgeführt. Da sind natürlich Ideen von Betroffenen jederzeit sehr willkommen. Der letzte Anlass stiess auf grosses Interesse – konnte man doch Tipps und Anregungen im Bezug auf MS und Komplementär Medizin mit nach Hause nehmen. Auf Wunsch sende ich dann den Vortrag den Interessierten per Mail, leider dauert es bei mir dann immer etwas sehr lange. Jedes Mal muss ich aufs Neue ausprobieren, wie das mit dem „Zip-Ordner“ geht. Ich möchte ja nicht, dass wegen einer zu grossen Datei der Anhang nicht geöffnet werden kann oder noch besser, der Computer abstürzt…

In solchen Momenten bin ich soooo froh, dass ich mich für die Zweitausbildung zur Psychiatrieschwester entschieden habe und keine Karriere im kaufm. Bereich angestrebt habe. In den nächsten Tagen werde ich dann wieder vermehrt zu Patienten nach Hause gehen – es stehen verschiedenste Beratungsgespräche an, unter anderem Tipps für eine 3-monatige Fernostreise (Impfungen, Medikamente etc.), bei einem  längeren Aufenthalt in Algerien (mind. 6 Monate) mit der Betroffenen die Vorkehrungen besprechen (KK, SVK etc.) und mit einer Patientin Ideensammeln für ihre Freizeit, da sie  unter einer starken Sehbeeinträchtigung leidet.

Darüber kann ich dann das nächste Mal berichten – bis dann sonnige Herbsttage!

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09.10.2009
von Barbara Kieser

Ein schönes Erlebnis

Gerade heute Morgen hatte ich wieder ein Erlebnis mit einer MS-Betroffenen, das mich daran erinnerte, weshalb ich diesen Job so gerne mache. Sie sandte mir ein SMS, in dem sie kurz sagte, dass sie heute nicht an unser Treffen kann, da sie gerne Squash spielen möchte. Nebenbei erwähnte sie, dass ihre Kopfschmerzen besser sind und einige weitere, kleine Details. Nichts Aufregendes finden Sie? Vielleicht. Doch für mich bestätigte dieses SMS den engen Kontakt, den ich seit Jahren mit ihr pflege.

Ich kenne sie seit sie 16 war und damals die Diagnose MS erhielt; kurze Zeit später fing sie mit der Therapie an. Sie musste einiges durchmachen und wir hatten immer wieder intensive, manchmal auch tränenreiche nächtliche Telefongespräche, wenn sie einfach nicht mehr weiter wusste. Die Themen reichten von körperlichen oder psychischen Problemen über Diskriminierungen in der Schule bis zu ganz normalen Schwierigkeiten, wie sie jeder Teenager durchmacht. Manchmal konnte ich aktiv helfen; ich besuchte zum Beispiel ihre Schule und erklärte ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, was MS ist und weshalb sie Spritzen braucht. Und manchmal ist es für Betroffene wie sie auch nur wichtig zu wissen, dass jemand für sie da ist, Tag und Nacht, mit dem man sprechen kann. Dieses Mädchen macht nun eine Lehre und hat einen hilfsbereiten Arbeitsgeber, der auf sie eingehen kann und bei dem sie sich wohl fühlt. Natürlich gibt es Höhen und Tiefen, doch ich finde, sie macht ihre Sache grossartig und ich habe regelmässig Kontakt mit ihr, sei es per SMS, einem Anruf oder an unseren Treffs.

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