Experten Blog

06.10.2010   Prof. Juerg Kesselring

Zwei Seelen in einer Brust

Als Arzt und Wissenschaftler bin ich es gewohnt, genau zu beobachten und für das, was ich sehe, Erklärungen zu finden, genau hinzuhören und, wenn irgendwie möglich, Lösungen für die geschilderten Probleme aufzuzeigen. Sie wissen wohl allzu gut aus eigener Erfahrung, dass das Leben nicht immer so einfach ist. Gewisse Fragen bleiben unbeantwortet und für bestimmte Ereignisse sucht man vergebens nach einer plausiblen Begründung. Vielleicht sind es manchmal gerade diese «Leerstellen», die unser Leben so vielschichtig und letztlich auch faszinierend machen…

Offene Fragen und ungelöste Probleme bedeuten für mich deshalb nicht grundsätzlich ein Ärgernis. Sie bieten Gelegenheit, inne zu halten und noch genauer als sonst hinzuschauen. Doch anstatt vergeblich um Erklärungen zu ringen, versuche ich manchmal ganz einfach zu beschreiben, was ich wahrnehme. Eine Sprache, die sich dazu besonders eignet, ist die Poesie. Sie lässt Spielraum, um den Eindrücken einen individuellen rhythmischen Ausdruck zu verleihen. Und: Indem ich meine Beobachtungen in Worte und Verse fasse, komme ich manchmal unerwartet zu einer neuen Erkenntnis: Im Oberflächlichen, Vordergründigen scheint plötzlich etwas Tiefgründigeres auf.

Wissenschaft und Kunst bieten damit zwei verschiedene, einander ergänzende Zugänge zur Welt. Aus dieser Einsicht heraus empfinde ich es immer wieder als Bereicherung, beiden «Seelen in meiner Brust» Gehör zu verschaffen, mich aus beiden Quellen inspirieren zu lassen und Wissenschaft und Kunst auf fruchtbare Weise zu verbinden.

Sicher schlagen auch Sie sich von Zeit zu Zeit mit Fragen herum, auf die Sie keine Antworten finden. Vielleicht lohnt es sich, in einem solchen Moment wieder einmal einen Gedichtband aufzuschlagen? Wer sich von seiner alltäglichen (prosaischen) Sicht der Dinge löst und die Welt stattdessen durch eine andere (poetische) Brille betrachtet, entdeckt dabei plötzlich Aspekte, die bisher verborgen geblieben sind. Und wer weiss: möglicherweise motiviert Sie die Lektüre dazu, selbst zu Papier und Stift zu greifen? Schreiben kann einem dabei helfen, sich über die eigene Situation Klarheit zu verschaffen, oder mit Max Frisch formuliert: «Schreiben heisst sich selber lesen.»

Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft!

Jürg Kesselring

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