Experten Blog

12.04.2011   Dr. Daniela Wiest

Zum Thema Therapiebeginn

„Frau Doktor ich weiss nicht, wann für mich der richtige Zeitpunkt für einen Therapiebeginn ist…, ich weiss nicht, was ich meinem Körper zumuten soll…“

Viele Patienten/Innen, bei denen die Krankheit Multiple Sklerose neu gestellt wurde, stellen sich diese Fragen. Häufig kommt es ja vor, dass die Diagnose schon nach dem 1. klinischen Schub (z.B. Retrobulbärneuritis, vorübergehende Sensibilitätsstörungen an einer Extremität, etc.) gestellt wird, also in einem Stadium, in dem viele Patienten noch nichts oder nichts mehr von der MS spüren. Die ersten Schübe heilen häufig wieder vollständig ab, ohne dass Symptome zurückbleiben.

Somit ist es natürlich absolut berechtigt, zu hinterfragen, ob man in einem solchen „gesunden Zustand“ eine Langzeit-, d.h. Dauertherapie überhaupt starten muss. Alleine die Vorstellung, man könnte von einem Medikament Nebenwirkungen verspüren, wie z.B. die möglichen pseudogrippalen Nebenwirkungen unter den Interferonen, lässt die Patienenten/Innen immer wieder zurückschrecken. Absolut verständlich! Fühlt man sich ja ansonsten pudelwohl und gesund. Wieso also eine Therapie beginnen, die man vielleicht nicht gut verträgt?

Und genau in diesem Punkt unterscheiden sich die wissenschaftlichen Ansichten von uns Ärzten von den Ansichten unserer Patienten.
Wir Ärzte wissen, dass der Schein eben trügt: Auch im Anfangsstadium, also zum Zeitpunkt, wo der Patient sich noch absolut wohl und gesund fühlt, schreitet die Krankheit im Hintergrund unbemerkt fort und hinterlässt auf Dauer seine Spuren. Unterschwellige Schübe/Entzündungsschübe werden klinisch nicht gemerkt, hinterlassen aber doch im Hirn und Rückenmark die Vernarbungen. Und am Ende ist die Rechung einfach: Je mehr Vernarbungen, desto schlechter geht es, und wenn diese zudem an kritischen Stellen im Hirn und Rückenmark ablaufen, genügen wenige Narben, um eine merkliche Behinderung zurück zu lassen.

Für uns Ärzte ist es daher wichtig, dass wir die Krankheit möglichst früh, also im Anfangsstadium, in den Griff bekommen, immer mit dem Ziel vor Augen, dass wir nach 15-20 Jahren immer noch „gesunde Patienten“ vor uns haben, die im Alltag (Familie, Beruf und Sport) voll leistungsfähig sind.

Für mich überwiegt die Angst vor einem schlechten, schweren Verlauf viel mehr, als die Angst vor evt. pseudogrippalen Nebenwirkungen (zumal diese in der Regel mit einfachen NSAR – Schmerzmitteln recht gut in den Griff zu bekommen sind). Selbstverständlich gibt es auch Patienten, die ein Medikament effektiv nicht vertragen, das sind insgesamt aber nur sehr wenige. In einem solchen Fall muss mit dem behandelnden Neurologen/In ein Therapiewechsel diskutiert werden.

Bezüglich Therapiebeginn geht es also um die Abschätzung, was man mehr gewichtet: Die möglichen, akuten Nebenwirkungen (wie pseudogrippale NW), die aber behandelbar sind, oder die Langzeit-Nebenwirkungen der nicht optimal behandelten MS-Erkrankung mit Behinderung, neurokognitiven Problemen etc. Leider kann das Verpasste nicht mehr aufgeholt oder rückgängig gemacht werden.

Wenn Sie nun selber vor der Entscheidung stehen, wann Sie mit einer Therapie beginnen sollen, versuchen Sie Ihre Ziele und Vorstellungen, aber auch Ihre Ängste und Bedenken zu formulieren, sprechen Sie mit Ihrem Neurologen/in darüber, er/sie wird Ihnen die wissenschaftlichen Daten und Antworten zu Ihren Fragen geben können, damit Sie für Ihr Leben und Ihre Zukunft eine gute Entscheidung treffen können.

Kommentare (2)  Permalink

LiveSearch

Lunea Blog

Themen

Archive

Experten Blog

Themen

Archive