Experten Blog

12.04.2011
von Dr. Guido Schwegler

Schmerzen und MS

Eine der häufigsten Fragen von MS-Betroffenen, die eben erst mit der Diagnose konfrontiert worden sind, ist folgende: «Herr Doktor, wie merke ich, ob ich einen Schub habe?» Meine Standardantwort darauf lautet: «Sie müssen 2 Faustregeln beachten: Erstens, die MS macht keine Schmerzen und zweitens: Was nicht länger als einen ganzen Tag ununterbrochen anhält, ist kein Schub.»

Ich erinnere mich an einen Patienten, der mehr als ein Jahr lang nach der Diagnose MS Muskelschmerzen hatte und nicht mehr arbeitsfähig war. Ausschlaggebend war dabei, dass er fürchtete, diese Schmerzen hätten einen direkten Zusammenhang mit der MS. Als ich ihm gesagt habe, MS macht keine Schmerzen, ging es sehr bald viel besser. Er hatte sich in etwas hineingesteigert.

Nun, wie viele absolute Antworten, stimmt auch diese Antwort nicht ganz. Es ist eine Faustregel. Selbstverständlich kann es manchmal zu Schmerzen, verursacht durch die MS, kommen: Schwere spastische Beinkrämpfe können sehr schmerzhaft sein. Dies betrifft aber Patienten, die durch die Krankheit schon sehr stark behindert sind, und ist glücklicherweise sehr selten. Bei chronischen Rückenmarksentzündungen durch die MS beobachtet man zuzeiten das Phänomen von unangenehmen bis schmerzhaften Missempfindungen, meist in den Füssen. Grund dafür ist eine MS-bedingte Fehlfunktion, respektive Überfunktion, des schmerzleitenden Fasersystemes im Rückenmark (seltener im Hirn). Mehrere Medikamente können hier Linderung verschaffen, manchmal ist die Behandlung aber unbefriedigend.

Als dritter klassischer Schmerztyp bei MS fällt mir die Trigeminusneuralgie ein: Ein extrem schmerzhafter kurzer Stromstoss im Gesicht, der sich in kurzen Abständen wiederholt. Meist gelingt es, diese Schmerzattacken mit Medikamenten aus der Klasse der Antiepileptika zu unterbinden, selten ist eine kleine Hirnoperation nötig.

Aber um es nochmals auf den Punkt zu bringen: So schwierig die Krankheit für die Betroffenen ist: Zu Schmerzen kommt es selten.

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27.09.2010
von Dr. Guido Schwegler

MS und Berufswelt

«Herr Doktor, soll ich meinem Arbeitsgeber sagen, dass ich MS habe?»
«Herr Doktor, soll ich im Vorstellungsgespräch über meine MS Auskunft geben?»

Das sind mitunter die häufigsten Fragen in meiner Sprechstunde. Nun, es gibt kein Patentrezept, wie man als MS-Betroffener gegenüber seinem Arbeitgeber auftreten soll. Folgende Faustregel finde ich nützlich. Wenn man sich fit fühlt und man als Aussenstehender nicht sieht, dass man erkrankt ist, behalten Sie diese Information besser für sich. Ihre MS geht nur Sie etwas an. Es ist klar, dass Sie der Pensionskasse gegenüber bei einer Stellenneubesetzung offen über ihre Gesundheit Auskunft geben müssen. Aber diese Informationen sind vertraulich und dürfen dem Arbeitgeber nicht zugetragen werden.

Wenn Sie unglücklicherweise schon stärker durch die MS beeinträchtigt sind, empfehle ich, mit dem Arbeitgeber das Gespräch zu suchen. Meist geht es dabei um die Reduktion des Arbeitspensums oder die Versetzung an eine andere, weniger physisch belastende Position. Viele meiner Patienten, die sich trotz fortgeschrittener MS bis zur Erschöpfung im Beruf aufgerieben haben, berichten über eine massive Verbesserung der Müdigkeit, des Gesundheitszustandes und der Lebensqualität nach Reduktion des Arbeitspensums. Was Sie aber auf keinen Fall tun dürfen ist, das Arbeitspensum von sich aus zu reduzieren ohne begleitende Krankschreibung. Sonst riskieren Sie eine massive Renteneinbusse. Sprechen Sie in diesem Fall unbedingt zuerst mit Ihrem behandelnden Neurologen und Hausarzt. Der wird Sie entsprechend der gesundheitlichen Probleme krankschreiben und IV-Massnahmen einleiten, wenn absehbar ist, dass sich das Arbeitspensum bleibend reduzieren wird. Mit der 2. Säule werden Sie in diesen Fällen genug abgesichert sein, so dass Sie finanziell gut über die Runden kommen sollten.

Am meisten Probleme gibt es bei sehr jungen MS-Betroffenen ohne 2. Säule und bereits behindernden neurologischen Problemen. Da ist guter Rat teuer. Deshalb ist es umso wichtiger, die Krankheit schon im frühesten Stadium zu behandeln, damit dieser Fall möglichst nicht eintritt. Entsprechende Medikamente stehen ja heute zur Verfügung, womit auch sehr aktiv verlaufende Erkrankungen wirksam behandelt werden können.

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14.12.2009
von Dr. Guido Schwegler

Herbst-ver-stimmungen

Sind depressive Verstimmungen saisonal abhängig? Leiden Betroffene mehr darunter in dieser dunklen Jahreszeit? Mag sein. Der Lichteinfluss auf die Psyche lädt zu Spekulationen ein: Das Sonnenlicht wird über die Netzhaut des Auges aufgenommen und wirkt auf Botenstoffe im Gehirn ein. In der dunklen Jahreszeit wird vermehrt Melatonin ausgeschüttet mit dem Effekt, dass man sich müder fühlt. Es werden demgemäss Lichttherapien verschrieben mit speziellen Therapielampen und man rät zu vermehrter körperlicher Betätigung im Freien.

So weit so gut. Die Lichttherapie mag ja in einzelnen Fällen eine Stimmungsaufhellung bringen, aber das Hauptproblem liegt wahrscheinlich woanders, nämlich in der Tabuisierung der psychischen Krankheiten („ich spinne doch nicht!“). Die Depression ist eine gefährliche, ernste Erkrankung. Einfach ein bisschen unter die Lichtlampe hocken, das klingt verniedlichend. Wir erinnern uns an Robert Enke, den Torwart von Hannover 96. Der arme Kerl hat offenbar jahrelang an Depressionen gelitten und war hilflos, am Schluss ausweglos. Es kann jeden treffen, auch den erfolgreichen Profifussballer.

Warum ich das schreibe? Nun, es ist bekannt, dass Depressionen unter Menschen, die an MS erkrankt sind, doppelt so häufig sind. Auch die Selbstmordrate ist bei MS-Patienten erhöht, wie eine dänische Studie gezeigt hat. Ob diese hohe Rate an depressiv Erkrankten unter MS-Patienten nur eine Reaktion auf die schwierige persönliche und gesundheitliche Lage ist, bleibt offen. Gewisse Forscher vermuten auch einen negativen Effekt von MS-Plaques in bestimmten Hirnarealen.

Und nun zum Wichtigsten: Depressionen kann man heute oft gut behandeln: Mit Gesprächstherapien, aber auch mit den neueren Antidepressiva, die ja sehr gut verträglich sind. Ich staune immer wieder, wie schwierig es ist, die Betroffenen von einer antidepressiven Therapie zu überzeugen. Sprechen Sie daher mit Ihrem Arzt oder Neurologen offen über Ihre Ängste und Stimmungen.

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