Lunea Blog

16.04.2010   Christian Rusterholz

Grenzen überschreiten

In meinem Leben habe ich immer viel Sport getrieben und war ständig unterwegs mit Freunden. Im Sommer 2003 bekam ich die Diagnose «Multiple Sklerose». Nach dem ersten Schub ging es mir körperlich bald wieder gut und die Beeinträchtigungen waren zum Glück sehr gering. Ich hatte nur immer das Gefühl als wären meine Socken unter dem Fuss zusammengerutscht. Ich zog sicher 100 Mal am Tag meine Socken hoch um die vermeintlichen Falten aus den Socken zu ziehen.

Durch meine Lebenspartnerin kam ich damals zum Inline-Skaten. Der Sport gab mir Bestätigung. Wir nahmen an den Swiss Inline Cup Rennen teil, waren an Rundfahrten im deutschen Hessen, mehrmals in Florida an einem Inline-Skating Event und am 111 km langen Rennen auf Skates rund um St. Gallen. Als Höhepunkt meiner Karriere auf Rollen nahm ich mit meinem Team drei Mal am 24 Stundenrennen in LeMans teil. Alles ging gut bis zum Sommer 2008. Ich hatte keinen Schub, sondern eine kontinuierliche, schleichende  Verschlechterung. Bei langen Ausfahrten auf den Inline-Skates konnte ich plötzlich das Gleichgewicht nicht mehr halten und ich wurde für mich und die anderen Fahrer zu einem Sicherheitsrisiko. Ich versuchte meinen Kopf durchzusetzen und meinte, wenn ich mit genug Willen gegen die MS ankämpfe, kann ich fahren. Schon in der ersten Runde ging nichts mehr. Der Kopf wollte, nur die Beine fuhren unkoordiniert und unkontrolliert auf die Abfahrt zu. Ein sehr unangenehmes Gefühl bei 50 Stundenkilometern. Irgendwie schaffte ich es mit vielen Minuten Verspätung ins Ziel. Eine plötzliche Leere ergriff mich. Früher oder später hätte ich als Realist mit so einem Vorfall rechnen müssen, aber nicht wollen. Zum Glück waren wir als Team in LeMans und es zeigte sich wie wichtig es ist, Freunde um sich zu haben. Ohne zu zögern sprang ein mitgereister Gast als Ersatzfahrer ein und ein anderes Teammitglied fuhr Doppelablösungen. Ich wurde kurzerhand zum Betreuer umfunktioniert und wurde gebraucht. Ich hatte nur wenig Zeit um Nachzudenken und das war gut so. Ich hatte sofort wieder eine Funktion und war wichtig für das Umfeld.

Nach LeMans bin ich nun auf dem Fahrrad anzutreffen. Mit den Klickpedalen ist das rechte Bein, meine Schwachstelle, gut geführt und ich kann immer noch grosse Distanzen fahren. So begleitete ich meine Partnerin und andere Skater die letzten zwei Jahre auf dem Fahrrad, statt den Inline-Skates. So manches Mal konnte ich meine Partnerin mit dem Rad über Kopfsteinpflaster ziehen. Wenn die Rollen der Skates nur noch rumpeln, ist es gut, ein Fahrrad als Zugpferd dabei zu haben.

Unser Vorhaben
Aber nun zu unserem Vorhaben, Grenzen zu überqueren. Ideen für solche Unternehmen entstehen oft spontan: Es war im letzten Sommer bei uns zu Hause auf der Terrasse. Jan, ein guter Bekannter aus der Frankfurter Inline-Szene, war zu Besuch. Er schwärmte: «Ich würde gerne mal mit den Skates durch Deutschland fahren.» Meine spontane Antwort: «Dabei begleite ich dich auf dem Rad.» Das war der Moment, als Sabine in der Küche oder im Keller verschwand. Sie wollte mit der Aktion eigentlich nichts zu tun haben. Sie war vor einigen Jahren bereits von Berlin, Paris und Wien jeweils ins Wallis geskatet. Ihre Bemerkung: «Ihr wisst ja noch nicht, auf was ihr euch da einlasst!» Na, aber ein Skaterherz schlägt halt doch höher. Die Strapazen rückten bald einmal in den Hintergrund und die Freude auf die Tour, die Vorbereitungen und das Teamerlebnis liessen Sabine schliesslich nicht kalt und sie war dabei. Thomas, ein weiterer guter Freund in Zürich wohnhaft, war ebenfalls ohne grosse Überzeugungskraft dabei. Jans Vater wurde als Chauffeur engagiert und wird das Begleitfahrzeug fahren. In der zweiten Woche wird Caroline, eine Arbeitskollegin zu uns stossen.

Für einen guten Zweck
Im Laufe der Vorbereitung kam uns die Idee das Ganze als eine Sponsorenfahrt für einen guten Zweck aufzuziehen. Der Zweck war schnell gefunden: Die Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft. Reisen, Erlebtes mit Freunden teilen, das möchten wir denjenigen Menschen ermöglichen, die nicht so viel Glück mit dem Krankheitsverlauf haben wie ich. Menschen, die gerne wieder einmal aus dem Alltag ausbrechen möchten, diese Menschen möchten wir unterstützen. Das Geld, das gesammelt wird, kommt vollumfänglich der Schweizer MS Gesellschaft zugute – zweckgebunden für Reisen und Ausflüge, für einen kleinen Ausbruch aus dem Alltag. Wir Tourteilnehmer zahlen die anfallenden Kosten an der Tour wie Hotel, Essen und so weiter alles aus der eigenen Tasche. Jeder Franken, den wir sammeln, geht an die MS Gesellschaft. Die Resonanz der angefragten Sponsoren war überwältigend. Schon bald konnten wir das erste angestrebte Spendenziel revidieren.

Das Projekt nimmt Fahrt auf
So langsam machte unsere Idee die Runde. Freunde, Arbeitskollegen, die Familie, sie alle wissen von unserem abenteuerlichen Vorhaben. Sie alle motivieren uns und viele von ihnen unterstützen die Idee auch mit einer Spende. Mit dieser Tour möchte ich mir auch beweisen, dass man auch mit einem Handicap noch Grosses vollbringen kann. Zusammen als Gruppe von guten Freunden die Strecke nicht nur abspulen und  absolvieren, sondern auch geniessen und selbstverständlich viel erleben und für immer im Herzen bewahren. Nur als Team wird es uns möglich sein und wir werden uns gegenseitig jeden Tag motivieren und trotzdem werden wir unterwegs immer wieder an unsere Grenzen stossen. Das sind die Umstände welche mich motivieren. Für mich als MS Betroffener ist Bewegung ein wichtiger Therapieteil. Durch viel Sport kann ich die Mobilität bewahren und unsere Tour verlangt mir ein diszipliniertes Training ab. Ich bin viel auf dem Rad, im Fitnessstudio, achte auf meine Ernährung und schlafe viel.

Ganz wichtig ist es, ein Ziel vor Augen zu haben. Nicht nur bei diesem Vorhaben, auch danach. Auf ein Ziel hinzuarbeiten, nicht verbissen aber eben zielgerichtet. Das ganze Projekt «Grenzen überschreiten» entwickelt in mir sehr viel Energie, es beflügelt mich regelrecht. Die vielen positiven Reaktionen freuen mich, bauen mich auf. Und genau diese Bestätigung braucht es nach der Diagnose MS. In diesem Sinne: Ich hab die MS und nicht die MS mich!

Es freut mich, wenn Sie einen Blick auf unsere Homepage

www.grenzen-ueberschreiten.ch
werfen und unsere Tour ab dem 13. Mai 2010 verfolgen. Täglich wird die Homepage mit Berichten und Fotos ergänzt. Vielleicht motivieren sie uns mit einem Gästebucheintrag oder einem Sponsorbeitrag?

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