Experten Blog

10.11.2014
von PD Dr. Iris-Katharina Penner

Multiple Sklerose und Kognition

Würde man eine Umfrage auf der Strasse starten mit der Frage: «Wie äussert sich Multiple Sklerose? Was kommt Ihnen spontan in den Sinn?», so würden wir häufig als Antwort erhalten: «Die können irgendwann nicht mehr laufen und sitzen im Rollstuhl».

In der Tat stehen leider auch heutzutage immer noch die körperlichen Auswirkungen im klinischen und auch pharmakologischen Fokus. Es geht immer wieder darum, die Schubrate zu reduzieren, den Behinderungsgrad stabil zu halten und die Anzahl der Läsionen im Gehirn zu kontrollieren. Fragt man die Betroffenen selbst, welche Symptome sie in ihrem alltäglichen Leben am meisten einschränken, so zeigt sich ein weniger körperlich betontes Bild. Es sind vor allem die geistigen Einschränkungen, wie Abnahme der Konzentrationsfähigkeit, kognitive Verlangsamung und Gedächtnisstörungen, die hier von Seiten der Patienten genannt werden. Daneben spielen auch Fatigue und Depression eine entscheidende Rolle.

Als ich vor 15 Jahren begann, mich wissenschaftlich für das Thema Kognition bei MS zu interessieren, war ich eine Exotin. Als ich dann auch noch vorhatte, die Symptomatik mit bildgebenden Verfahren zu untersuchen und gleich im Anschluss die Wirksamkeit eines Computertrainings auf die Hirnleistung mit gleicher Methode zu untersuchen, schüttelten einige Kollegen verständnislos den Kopf. Im Jahr 2014 boomt nun das Thema und jede Arbeitsgruppe, die etwas auf sich hält, versucht in ihren Studien das Thema Kognition miteinzubauen. Damit wird endlich dem Stellenwert kognitiver Veränderungen bei MS Rechnung getragen.

Diese können zu jedem Zeitpunkt der Erkrankung auftreten, auch bereits in den Anfangsstadien. Zu Beginn beklagen Betroffene eine allgemeine Verlangsamung, die ihnen vor allem in ihrem Arbeitsumfeld auffällt. Plötzlich braucht man länger für das Verrichten einer Aufgabe als noch vor einiger Zeit und im Vergleich zu Kollegen. Nicht selten ist zu Beginn auch das Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis betroffen. Neue Dinge können schwerer gelernt und langfristig behalten werden. Daheim geht man öfters unverrichteter Dinge in einen Raum, wo man eigentlich dachte etwas holen oder nachsehen zu wollen. Im Raum angekommen, fällt einem der Grund für das Aufsuchen des Zimmers plötzlich nicht mehr ein. Dies sind nur einige von den Veränderungen, die Betroffene beklagen. Wichtig ist, dass man sie erkennt und als Symptom der MS Grunderkrankung verstehen lernt. Viele Patienten geraten in Panik aus Angst, dement zu werden. Hier kann man ganz klar Entwarnung geben. Das Entwickeln einer Demenz im Rahmen der MS ist eher unwahrscheinlich. Auch schreiten die kognitiven Veränderungen bei MS wesentlich langsamer voran, als dies bei dementiellen Erkrankungen der Fall ist.

Als wichtig erachte ich, dass man möglichst frühzeitig seinen kognitiven Status neuropsychologisch untersuchen lässt. Nur so kann man den Verlauf dokumentieren und Veränderungen über die Zeit erfassen. Es gibt mittlerweile Therapieentscheidungsmodelle (z. B. MSDM), die auch die kognitiven Veränderungen mit berücksichtigen. Sollte sich der kognitive Zustand eines Patientem oder einer Patientin deutlich verschlechtern, wäre diese auch ein Grund die aktuelle MS-Medikation zu überdenken und gegebenfalls zu ändern.

Für die Behandlung kognitiver Veränderungen stehen leider derzeit keine überzeugenden symptomatischen Medikamente zur Verfügung. Es ist daher wichtig sich im Laufe des Lebens eine gute «kognitive Reserve» aufzubauen, da in neueren Studien gezeigt werden konnte, dass diese dem Gehirn zum einen helfen kann, zu kompensieren und neue Schaltkreise zu bilden, zum anderen aber auch präventiv wirken kann. Es ist somit wichtig, sich geistig immer wieder zu stimulieren und neu herauszufordern. Karten spielen, Lesen, Schachspielen zählen genauso dazu wie das Absolvieren eines kognitiven Computertrainings. Auch sportliche Aktivität wirkt sich positiv auf die kognitiven Leistungsfähigkeiten aus.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen geistige und körperliche Fitness. Bleiben Sie in Bewegung!

Ihre I.-K. Penner

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31.01.2011
von Barbara Kieser

Kraft geben, um der Therapie treu zu bleiben

Wenn sich MS-Betroffene mit der Therapie auseinander setzen müssen, stossen sie schnell einmal an Grenzen – seien dies Grenzen physischer oder psychischer Art. Zuerst einmal hat man die Diagnose zu akzeptieren und dann einer Therapie zu folgen. Dies löst vielerlei Gefühle aus: Hoffnung, Angst und wohl auch Wut oder Mutlosigkeit. Vielleicht stellt sich rasch eine Verbesserung des Gesundheitszustandes ein, vielleicht aber auch anfangs erst einmal eine Verschlechterung, ganz abgesehen von den eventuell zu ertragenden Nebenwirkungen. Man sucht nach dem Sinn der Therapie und zweifelt, ob die Therapie die Hoffnung auf Besserung stützt. Und ganz ehrlich, die Wahl, ob eine Therapie in Frage kommt oder nicht, ist nicht gross. Schliesslich handelt es sich bei der Multiplen Sklerose immer noch um eine unheilbare Krankheit. Es liegt quasi auf der Hand, dass MS-Betroffene sich mit einer Therapie abzufinden haben. Von welchem Standpunkt sie das auch betrachten, vom medizinischen, dem sozialen oder vom eigenen Standpunkt aus, eine Therapie ist unumgänglich.

Damit umzugehen ist sicher nicht einfach. Hier beginnt meine Aufgabe des Empowerment. Bezeichnet werden damit Strategien und Massnahmen, die geeignet sind, den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von beispielsweise kranken Menschen zu erhöhen. Es soll ermöglicht werden, Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmend zu vertreten und zu gestalten. Sowohl Selbstbemächtigung, als auch die professionelle Unterstützung, Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen, sollen dabei angesprochen werden. Im Deutschen wird Empowerment gelegentlich auch als Selbstkompetenz bezeichnet. Warum man diese Begriffe aus dem Englischen in den Praxisalltag übernommen hat? Sicher mit der Absicht, die beste Therapie mit dem grössten Nutzen für die Betroffenen zu erreichen.

So begleite ich gemeinsam mit dem medizinischen Fachpersonal die Betroffenen auf einem langen Weg, der verschieden gepflastert ist. Den Betroffenen begegnen wir in den verschiedensten Situationen: Beim Therapiebeginn, während der Therapie, bei einem Therapiewechsel oder einem Abbruch, gegebenenfalls auch ganz ohne Therapie. Hier ist es von Bedeutung, dass die Betroffenen in dieser schwierigen Situation nicht alleine gelassen werden und die grösstmögliche Unterstützung erfahren, damit sie der Therapie treu bleiben. Ich als Therapeutin sollte natürlich nicht die Einzige sein, gefordert sind sowohl die Angehörigen und Freunde als auch Fachpersonen, welche Hand in Hand arbeiten müssen, damit der MS-Betroffene die maximale Unterstützung erfährt.

Aus meiner Sicht ist es sehr wichtig, dass die Betroffenen wie auch ihr familiäres Umfeld gut informiert sind. Die MS-betroffene Person sollte das nötige Fachwissen über ihre Krankheit und die erforderlichen Medikamente erhalten. Ich für meinen Teil spreche die Betroffenen direkt an. Was sind ihre Erwartungen an die therapeutische Begleitung und wie kann ich am besten helfen, damit sie die Therapie einhalten können? Nur gezieltes Nachfragen hilft, eine persönlich abgestimmte Betreuung aufzugleisen. In regelmässigen Abständen diese Vereinbarung zu prüfen ist unabdingbar, um sowohl auf neue Situationen reagieren zu können, als auch eine gute Beziehung zu pflegen.

Ich bin überzeugt, eine gute zwischenmenschliche Beziehung ist das A und O, um optimal auf die Betroffenen eingehen zu können. Aus einem regelmässigen Kontakt entsteht Vertrauen – und Vertrauen ist die Basis einer optimalen Betreuung. Ob Therapietreue oder Therapieabbruch – für mich ist am Wichtigsten, meine MS-Patientinnen und Patienten sowohl in ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen, als auch sie zu motivieren.

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