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19.10.2010   Niggi Schubert

Dank oder trotz MS?

MS-Selbsthilfegruppen unterliegen dem Verdacht, zu Jammervereinen zu verkommen. Mir selbst ist das zwar noch nie begegnet, aber die Angst begleitet mich, wenn ich zu einem Treffen gehe. So auch damals, als ich in St. Moritz in die dortige Selbsthilfegruppe ging. Darum forderte ich die andern auf, zu erzählen, was sie sich Positives durch die MS angeeignet hätten.

Und siehe da: Jeder und jede hatte irgendetwas zu erzählen. Da ich aber keinen Bericht über jene Sitzung im Engadin abliefern will, erzähle ich von mir. 1982/83 studierte ich evangelische Theologie an der Waldenserfakultät in Rom, wo mir die ersten Unregelmässigkeiten auffielen. Ich schwankte beim Gehen, hatte Doppelbilder. Nach meiner Rückkehr nach Basel diagnostizierte der Neurologe nach schier endlosen Untersuchungen MS. Damals gab es noch kein MRI. Ich studierte Theologie und schloss 1985 ab. Eigentlich wollte ich doktorieren, aber meine Augen machten das unmöglich. Während meines Lernvikariates sah ich beim Predigen das Manuskript nicht mehr und predigte seither frei, für den Vortrag ein Gewinn. Auch Autofahren konnte ich nicht mehr, für die Umwelt ein Gewinn - für mich kein Hindernis.

Ich heiratete; wir zogen für ein Jahr in die USA nach San Francisco. Da Lesen und akademisch weiterarbeiten unmöglich war, schien eine Ausbildung in klinischer Seelsorge das Geeignete. Da San Francisco eine schöne Stadt sein sollte und ich von einem gut renommierten Seelsorgelehrer dort hörte, packten wir die Koffer und zogen los. Nach unserer Rückkehr übernahmen wir gemeinsam eine Pfarrstelle in S-chanf im Engadin, die ich 1994 aufgeben musste. Meinen Frust und meine Empörung brachte ich in einer Figur zur Sprache, die sich mit dem Säulenheiligen Symeon Stylites auseinandersetzt. Theaterreife erreichte das Spiel nie, aber durch die intensive Arbeit daran lernte ich, mich von mir selbst zu distanzieren, was mir in meiner folgenden Arbeit half. Mein Freund und Mitgriechischschüler Samuel Stutz lud mich in die von ihm moderierte Fernsehsendung „Gesundheit Sprechstunde“ ein, woraus das Bändchen „Auf den Hund gekommen“ entstand. Diese meine Gedanken zur MS waren auch die Grundlage zum Text, den die Dokumentarfilmerin Sylvia Rothe ihrem Film über eine Gletscherwanderung machte, bei der Strafgefangene uns Behinderte über den Tschingelgletscher schleppten.

Die Zeit im Engadin, die Gespräche, die Erfahrungen hatten mich in die beinahe mafiösen Verhältnisse dieses Bergtals sehen lassen, was zu einem Krimi „vereina connection“ führte, den ich bei Pano veröffentlichen konnte. Aber das dortige Leben hat mich auch fasziniert. Ich packte mein Tonbandgerät, ging im Dorf umher und bat die Menschen, von ihrer Geschichte zu berichten. Ich wollte davon erzählen, konnte aber nicht mehr sprechen. Also schrieb ich ein Theater, damit andere für mich sprechen. Es wurde 2008 mit einigem Erfolg aufgeführt. Ich schrieb den Roman „Licht über verkrüppelten Palmen“, den der Verlag Johannes Petri zu publizieren bereit ist und für die Arbeit daran ich jetzt Geld suche.

War die MS ein Grund meines Schaffens? Ich weiss es nicht. Wegen der Krankheit zogen wir ins Engadin. Wegen meiner Arbeitsunfähigkeit begann ich zu schreiben, damit andere für mich sprechen, ein Theater. Schreibe ich also wegen, trotz oder dank meiner Kranheit? Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mein Leben auch meistern würde, wenn ich gesund geblieben wäre.

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