Untersuchung von evozierten Potenzialen

Eine weitere Methode zur Diagnose oder Absicherung einer MS-Diagnose ist die elektrophysiologische Untersuchung. Der medizinische Fachbegriff hierfür ist die Untersuchung von evozierten Potenzialen. Als evozierte Potenziale bezeichnet man Nervensignale, die nicht durch körpereigene Vorgänge ausgelöst werden, sondern durch einen äusseren Reiz.

Mit der Aufzeichnung dieser Nervenimpulse können Verzögerungen oder Unterbrechungen der Informationsweiterleitung im Nervensystem festgestellt werden. Bei MS gehen solche Unterbrechungen auf die Schädigung der Markscheide, die schützende Schicht um die Nerven, zurück.

Die Abbildung zeigt eine Untersuchung von evozierten Potenzialen, in diesem Fall ausgelöst durch eine Reizspule mit einem Magnetfeld, die sich über dem Kopf des Patienten befindet. Im Rahmen der Untersuchung wird gemessen, wie schnell die Reize zu einer messbaren Antwort im Gehirn führen.

Wichtiges Diagnose-Instrument
Die Untersuchung spielt eine bedeutende Rolle bei der Diagnose der MS und der Beurteilung des Krankheitsverlaufs. Es können damit auch Veränderungen der Nervenbahnen nachgewiesen werden, die noch nicht zu erkennbaren Symptomen oder Behinderungen geführt haben. Andersherum können Veränderungen in den Nervenbahnen auch dann noch über die evozierten Potenziale erfasst werden, wenn sich die Symptome schon längst wieder zurückgebildet haben oder sogar viele Jahre zurückliegen.

Elektrische Potenziale sind Spannungsunterschiede, die in menschlichen Nerven- und Muskelzellen auftreten. Sie können über die Haut erfasst und abgeleitet werden. Ein Beispiel für ein solches Verfahren ist das Elektroenzephalogramm (EEG). Bei einem EEG wird die elektrische Aktivität der Hirnzellen mit Hilfe von Elektroden aufgezeichnet, die an mehreren Stellen des Kopfes befestigt werden. Diese Untersuchung verursacht keine Schmerzen.

Insgesamt werden vier verschiedene Formen evozierter Potenziale unterschieden, wobei jede Form die Reaktion einer oder mehrerer Körperregionen prüft.

  • Sehfähigkeit: visuell evozierte Potenziale (VEP)
  • Hörvermögen: akustisch evozierte Hirnstammpotenziale (AEHP)
  • kognitive Funktion: somatosensibel evozierte Potenziale (SSEP)
  • motorische Funktion: magnetisch evozierte Potenziale (MEP)

Mit den visuell evozierten Potenzialen (VEP) wird die Impulsleitung durch die Sehnerven gemessen.

Elektroden auf der Kopfhaut messen die Reaktion des Gehirns auf einen optischen Reiz. Die Ergebnisse wiederholter Messungen werden aufsummiert, oder es wird ein Mittelwert gebildet. Im gesunden Auge erfolgt die Reaktion auf einen optischen Reiz etwa nach 100 bis 120 Millisekunden. Bei der Multiplen Sklerose führen die typischen Läsionen zu einer charakteristischen Verzögerung dieser Reizantwort.

Akustisch evozierte Potenziale (AEP) geben dem Arzt Hinweise auf Störungen der sensorischen Bahnen im Hörnerv, auf Störungen des Kleinhirns sowie auf Störungen der zentripetalen (zum Gehirn hinführenden) Nervenbahnen.

Über einen Kopfhörer werden abwechselnd Klickgeräusche in beide Ohren gespielt. Das elektrische Potenzial, das als Reaktion darauf im Gehirn ausgelöst wird, wird über der entsprechenden Hinterhauptregion abgegriffen. Besonderer Wert kommt dieser Untersuchungsmethode zu, wenn klinisch noch keine Störungen der Hirnstammfunktionen festgestellt worden sind.

Bei der Messung der somatosensibel evozierten Potenziale (SSEP) werden die Berührungsempfindlichkeit bestimmter Abschnitte des Körpers, zumeist der Hände und der Füsse, und deren Impulsleitung zum Gehirn gemessen.

Der Reiz erfolgt mit leichten Stromimpulsen entweder am Innenknöchel des Fusses oberhalb des Verlaufs des Nervus tibialis (in diesem Fall spricht man von Tibialis-SSEP) oder an der Innenseite des Handgelenks oberhalb des Nervus medianus bzw. des Nervus ulnaris. Der entstehende Reiz wird dann über die entsprechende Hirnregion abgeleitet.

Manchmal ist es auch erforderlich, Potenziale im Verlauf der Impulsleitung abzuleiten, also zum Beispiel über das Rückenmark. Dies bezeichnet man dann als fraktionierte SSEP.

Schliesslich gibt es noch die magnetisch evozierten Potenziale, abgekürzt MEP. Anders als bei den bisher dargestellten Formen von evozierten Potenzialen werden hier die Nervenzellen selbst gereizt.

Dies erfolgt durch magnetische Ströme. Mit Hilfe von Oberflächenelektroden auf den Armen und Beinen können dann - je nachdem, für welche Funktion das erregte Gehirn-Areal verantwortlich ist - Potenziale an den Muskeln dieser Extremitäten abgeleitet werden. Gemessen wird die Zeit von der Reizung der Hirnnerven bis zur Muskelantwort. Um zwischen der Reizweiterleitung im Gehirn und der Reizweiterleitung im Rückenmark unterscheiden zu können, ist es auch möglich Bereiche des Rückenmarks auf der Höhe der Nackenwirbel oder der Lendenwirbel zu reizen.

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